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Betti – Eine Geschichte zum Totensonntag

Liebe Betti,

sicher wunderst Du Dich, dass ich heute an Dich denke und an Dich schreibe. Ja, ich wunder mich auch. Ich habe ewig nicht mehr an Dich gedacht.

Meine Mutter schickte mir vor ein paar Tagen aus der Regionalzeitung unseres Landkreises ein Foto von einer jungen Frau, der ein Scheck für eine soziale Einrichtung übergeben wurde. Die Unterschrift zu dem Foto sagte mir nichts, aber meine Mutter schrieb ihren eigenen Untertitel: die Tochter von Betti Trapp. Und als ich das Foto das zweite Mal betrachtete, fiel mir die Ähnlichkeit sofort auf: die schmale Gestalt, das blasse Wesen, die Brille. Und spitze Schultern, die von Schüchternheit erzählen. Ja, eindeutig Deine Tochter. Du hast eine Tochter, die erwachsen geworden ist.

Du – Betti Trapp. Zu Deiner Beerdigung habe ich das Dorf unserer Kindheit das letzte Mal besucht. Und auf dem Friedhof dieses Dorfes war ich – bis zu dem Tage Deiner Beerdigung – nur ein einziges Mal: als der alte Onkel, der in Eurem Hause gelebt hatte und der immer freundlich, alt und stumm an Eurem Mittagstisch gesessen und in meiner Erinnerung stets Essig in die Linsensuppe gegossen und schlürfend gelöffelt hatte, als dieser Onkel gestorben war. Da standen wir beide noch kichernd über den sich verhaspelnden Pfarrer in hinterer Reihe beim Grab und hofften, dass niemand unser Kichern merkte.

Betti. Meine alte Kinderfreundin. Ein Jahr jünger als ich, asthmakrank, von den Eltern immer betuttelt und von den Lehrers stets mit Rücksicht behandelt.

Zuerst hattet Ihr neben mir und meinen Eltern gewohnt, im 4er Block, dann seid Ihr auf das Bauerngehöft dieses Onkels gezogen und ich war täglich bei Dir, wo rustikale, familiäre Wärme und einfachste Küche das Gegengewicht zu dem pädagogisch wertvollen Haushalt meiner Eltern bildete. Deine Mutter, von allen Tante Roswitha genannt, weil sie die Krippenleiterin der dörflichen Tagesstätte war, wies mich niemals ab, egal ob bei Euch gerade Mittagszeit war oder Ihr mit dem Trabbi fortfahren wolltet oder ob das Haus gar schon voller Besuch war. Ich werde nie ihren Schneewittchenkuchen vergessen oder die Bleche mit dem duftenden Streuselkuchen, den ich genau deshalb heute noch so gern backe. Und nie Deine lieben Mädchenaugen hinter der großen rosa-umrandeten Brille. Wie Du meist mit dem kleinen schwarzen Wuselhund an der Seite aus der Tür kamst, um mit mir zur Scheune zu flitzen. Dort bildeten eine aufgestellte Kindermaltafel und ein paar aus gestapelten Ziegelsteinen improvisierte Sitze unsere Schule. Nein, es war nicht mein Lieblingsspiel. Zumal ich immer die Schülerin sein sollte. Und Du wolltest gern die strenge Lehrerin spielen, die mich ausschimpften konnte, wenn ich etwas nicht wusste. Aber es dauerte auch nie so besonders lange, bis wir etwas anderes spielten, hinter der Riesenscheune Schoten oder Himbeeren vom Strauch naschten, Gummihopse sprangen oder von Deiner Mutter nach drinnen, zur nächsten Mahlzeit gerufen wurden.

Ich mochte auch die winterliche Wärme in Eurem Haus. Ein großer Kachelofen, der durch die Wände in mehrere Zimmer reichte, strahlte die schützende Wärme aus. Der Onkel saß in einem dicken Sessel eingesunken und träumte vor sich hin, dein Vater las Zeitung, Deine Mutter strickte. Das war so friedlich bei Euch! Du hast geholfen, mir das Stricken beizubringen und ein bißchen kann ich es heute. Dann haben wir Deine gesammelten Schminkvorräte hervorgekramt und uns bunt angemalt, mit Plasteperlen behängt, Gardinen als Schleier um den Kopf gewickelt. Lauter solch Zeug. Manchmal haben wir uns draußen, auf dem Spielplatz hinterm Neubau, gestritten, dann ging eine nach rechts davon und eine nach links. Wenn wir uns vor dem Neubau wieder trafen, mussten wir lachen und das Spiel ging weiter. Das ist mir noch heute das liebste nach einem Streit. Und neben Deinem vertrauten, strähnig-dünnen blondem Haar, gehörte auch diese folgende Geste zu Dir: ab und zu hast Du das Spray aus der Tasche gezogen, Dir die Düse in den Mund gesteckt, und Stöße von diesem Gas eingeatmet. Du warst sehr oft krank, und ich habe Dich besucht, am Bett bei Dir gesessen. Du warst schwächlich, aber ich glaube, nicht schwach. Nur deine Eltern waren immer besorgt um Dich. Und ich war wirklich nicht neidisch, als Du zur Kur nach Jugoslavien fahren durftest. Das war einfach richtig und gut.

Wir sind größer geworden. Zu meiner Jugendweihe hast Du noch bei uns an der langen Tafel gesessen und meine intellektuelle Verwandtschaft hat über deine kindliche altkluge Art gelächelt, Rezepte zu erklären.

Danach führte mein Weg mich schon im Alter von 14 Jahren aus diesem Dorf heraus. Ich habe Dich vollständig aus den Augen verloren, irgendwie auch aus meinem Kopf. Ich habe nichts unternommen, als meine Mutter mir ein paar Jahre später berichtete, Du hättest Probleme, würdest Dich dem Alkohol widmen. Mein eigenes Leben kam mir einfach immer dazwischen. Dann hieß es auch wieder, Du hättest Dich gefangen, hättest einen Mann und ein Kind war geboren. Ihr hättet eine Wohnung im alten Gutshaus, dort, wo wir früher schon in die Grundschule gegangen waren. Ich hab alles nur aus der Ferne gehört. Und dann schlug das Schicksal zu. Deine Mutter, nach der Wende arbeistlos geworden, starb überraschend und viel zu früh. Ein Jahr später erwischte Dich morgens ein Asthmaanfall und Du bist mit dem Kopf gegen die Badewanne gefallen. Jede Hilfe kam zu spät. Du warst 25. Dein Vater hat es nicht ausgehalten und folgte Euch beiden im dritten Jahr. Und damit war die einzige heile Welt, die ich aus meinen Kindertagen kannte, komplett verschwunden.

Liebe Betti, vielleicht war es keine heile Welt in der Du aufgewachsen bist. Wahrscheinlich hatten Deine Eltern Probleme, wie es sie überall auf der Welt gibt. Und Deine Krankheit hatte sicher vieles erschwert, was mir nie bewusst war. Aber ich will es heute gar nicht mehr wissen. Ich will Dein hübsches Kinderlachen nicht vergessen. Ich will mich an unsere glänzenden Plastikfingerringe erinnern, wenn ich an Dich denke, und an die Wärme, mit der mich Deine Eltern aufnahmen, die wussten, was mich umtrieb. Ihr wart ein bißchen mein Zuhause. Ohne Euch wäre ich nicht diejenige, die ich geworden bin. Und es ist unvorstellbar, dass es mich noch gibt, aber von Dir und Deiner Familie niemanden mehr. Oder doch. Da ist diese Tochter von dem Zeitungsfoto. Dein Kind. Vielleicht kann ich sie einmal besuchen. Vielleicht finde ich in ihr ein paar Spuren von Dir. Vielleicht möchte sie etwas von Dir hören, von Deiner Kindheit, von unserer Kindheit. Vielleicht ist es Zeit, mich auf den Weg zu machen. Wenn mir das Leben nicht wieder dazwischen kommt.

Es ist schön, dass es dich gab! Danke für die unbeschwerte Zeit.

Deine alte Freundin G.W.

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